Zusätzliche Informationen

15. Februar (1. Vortrag)
Prof. Dr. Christoph Uehlinger

Verlorene und erhoffte Paradiese in religionsvergleichender Sicht

Der Vortrag wird das Thema aus religionsgeschichtlicher und religionswissenschaftlicher Perspektive behandeln: Den Ausgangspunkt (I) bildet die Frage nach der Herkunft des Begriffs „Paradies“ in der iranischen Kultur des 1. Jahrtausends v. Chr., wo sich damit Vorstellungen von königlicher Herrschaft in einer ideal gestalteten natürlichen Umgebung verbanden. Dieser Ausgangspunkt hat zahlreiche Parallelen in anderen altorientalischen Kulturen.

Bei der Aufnahme und Transformation dieser altorientalischen Vorstellungen in der biblischen Literatur (II) tritt die Vorstellung eines verlorenen, nicht mehr zugänglichen Paradieses aus schöpfungsnaher Zeit in den Vordergrund.

Im Gegenüber hierzu bildete sich (unter Aufnahme antiker Friedens- und Prosperitätsideale, der Imagination glücklicher Idealwelten am Rande oder jenseits der jeweils bekannten Welt, vor allem aber der Hoffnung auf eine glückliche Fortexistenz von Märtyrern und Gläubigen in der Umgebung Gottes selbst) die Vorstellung eines künftigen Paradieses (III) aus, die besonders im Christentum eine intensive Ausgestaltung erfuhr und hohe Attraktivität entfaltete. Als weiterer prominenter Zweig dieser Traditionsgeschichte sollen dann islamische Paradiesvorstellungen (IV) besprochen werden, in denen altorientalische und spätantike, jüdische und christliche Traditionen des Ostens und des Westens aufgenommen und weiter verarbeitet werden.

In Ergänzung und im Kontrast zu einem dezidiert traditionsgeschichtlichen Zugang soll schliesslich noch ein Blick auf eine buddhistisch-ostasiatische Tradition (die des sog. „Reinen Landes“) geworfen werden (V).

Religion basiert wesentlich auf Kommunikation. Der Gang durch die Geschichte zeigt, wie religiöses „Wissen“ zustande kommt und sich in jeweils neuen Kontexten weiter entwickelt, adaptiert und unterschiedliche Funktionen erfüllt (VI). Dies ist in der heutigen Welt nicht anders, wenngleich die Bedingungen der Kommunikation sich verändert haben: Neue Medien erlauben eine globale Kommunikation, die Vielfalt von Vorstellungen und Hoffnungen ist unübersichtlicher geworden, ebenso ihre Verbindlichkeit und die Prägekraft religiöser Institutionen (VII).

22. Februar (2. Vortrag)
Prof. Dr. Klaus Bartels

Der Altphilologe auf der Suche nach dem Paradies: Von der Goldenen zur Eisernen Zeit

Das „Paradies“ der klassischen Antike hat keinen Ort, wohl aber eine Zeit: die mythische Goldene Zeit, in der die Menschen noch ohne Sorge und Mühe im Frieden mit den Göttern, der Natur und Ihresgleichen lebten. Der griechische Dichter Hesiod hat den Mythos von der Goldenen, der Silbernen, der Bronzenen samt der „heroischen“ und der Eisernen Zeit als erster erzählt; der Römer Ovid hat ihn am Anfang seiner vielgelesenen „Verwandlungssagen“ aufgenommen und ganz auf den Gegensatz von Gold und Eisen, „Paradies“ und Verderbnis gestellt. Es ist in beiden Versionen ein Mythos des steten Verfalls aller Werte, ein Gegenmythos zu jedem Fortschrittsglauben, und zumal in der Ovidischen Version erscheint er heute als ein geradezu „grüner“ Mythos, in dem der Frevel des Menschen an der göttlichen Natur mit Unrecht und Gewalt der Menschen gegeneinander einhergeht. In Augusteischer Zeit, um Christi Geburt, ist für kurze Zeit die Vision eines „Endes der Geschichte“ und aller Kriege, die Vision einer neuen Goldenen, „paradiesischen“ Friedenszeit unter römischer Herrschaft erschienen; Vergils prophetische 4. Ekloge ist das klassische Zeugnis dafür. Aber auch damals hat die Geschichte nach ihrem zukunftsfroh verkündeten „Ende“ sogleich ihr nächstes Jahrtausend in Angriff genommen, und das hatte wieder den Klang von eisernen Pflugscharen und Schwertern.

7. März (letzter Vortrag)

Dr. Markus Stegmann

Das (verlorene) Paradies in der Kunst

So kriegerisch, existentiell bedrückend oder materialistisch die Zeiten, Paradiesvorstellungen ziehen sich wie rote Fäden durch die Bildende Kunst. Vielleicht könnte man sogar zugespitzt sagen, dass ein kleiner Funken Utopie oder Sehnsucht nach einer anderen, „besseren“ Wirklichkeit in beinahe jedem Kunstwerk steckt. Da wären wir aber schon bei der zentralen Frage, was das überhaupt ist, das Paradies in der Kunst? Stecken religiöse Vorstellungen dahinter oder schlicht das menschliche Bedürfnis nach ein wenig überirdischem Glanz im banalen, grauen Alltag?

Ausgehend von dieser mehrdeutig mäandernden Thematik, in der die verschiedenen, höchst konträren Facetten menschlicher Existenz mit all ihren Widersprüchlichkeiten zusammenlaufen, beleuchtet der Vortrag anhand einiger ausgewählter Werke, auf welche Weise sich diese Sehnsucht quer durch die Epochen ausformuliert. Was bedeutet das Paradies bei Lucas Cranach d.Ä., bei Philipp Otto Runge, Paul Gauguin, Franz Marc, Marc Rothko, Thomas Struth oder Pipilotti Rist? Trotz grösster Unterschiede hinsichtlich der Lebensumstände der Kunstschaffenden und der verwendeten stilistischen Mittel zieht sich eine elementare Sehnsucht nach Ewigkeit durch die Zeiten hindurch und zeigt sich bis heute als wundervolle Möglichkeit der Lösung von irdischer Bedrängnis.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.